#letstalkaboutit: Altern in Würde – Ein Ding der Unmöglichkeit?

Alter Mann Auge

Altern ist nun wirklich ein Thema, das uns alle betrifft.

In meinem Beitrag Wenn uns das Leben zeichnet, entsteht ein Kunstwerk. habe ich unsere Angst vor dem optischen Altern bereits beleuchtet und erläutert, weshalb wir uns in dieser Hinsicht tatsächlich viel weniger Stress machen sollten.

Doch unser Körper altert nun mal nicht nur äußerlich und sämtliche Botox Spritzen und Anti-Falten Cremes, können die Zeit letztendlich nicht anhalten.

Wir altern jeden Tag. Jede Stunde, jede Minute, jede Sekunde rücken wir dem Ende unseres Lebens ein kleines bisschen näher.

Als Kind haben wir das Gefühl unsterblich zu sein.

Nicht nur uns selbst, auch unsere Familie können wir uns einfach nicht „alt“ vorstellen.

Doch leider wird jeder Mensch irgendwann im Leben mit der Vergänglichkeit konfrontiert. Manche früher, manche später.

Wenn ich mich in unserer Gesellschaft so umsehe, kristallisiert sich heraus, dass die Menschen immer leistungsorientiertere, karrieregeilere Workaholics werden, die nach Selbstoptimierung streben und über dies die genussvollen Dinge für „später“ aufsparen.

Doch was dieses „später“ überhaupt bedeutet, darüber sind sie sich meist nicht im Klaren. Der Großteil der berufstätigen Menschen nimmt sich vor, ihr schwer verdientes Geld in späteren Lebensjahren auf den Kopf zu hauen und es sich in der Pension dann „richtig gut gehen zu lassen“.

Mit dem eigenen Alterungsprozess setzt sich in jungen Jahren niemand auseinander.

Hände alter Mann

Das Vertrauen in die moderne Medizin ist anscheinend so groß, dass wir alle davon ausgehen, mindestens 100 Jahre alt zu werden.

Mag sein, dass sie Menschen immer älter werden und  auch ich denke, dass die meisten von uns ein hohes Alter erreichen werden.

Doch in welchem Zustand man dieses erreicht, kann man nicht vorhersagen.

Schlaganfälle, Herzinfarkte, Unfälle und Demenz können uns alle überraschend heimsuchen. Den Wenigsten von uns ist es vergönnt, im Alter noch so fidel durchs Leben zu schreiten, dass man seine lang gehegten Träume dann tatsächlich noch verwirklichen kann.

Dass es in unserem Gesundheitssystem an allen Ecken und Enden hapert, was die Versorgung alter oder behinderter Menschen betrifft ist, denke ich, kein Geheimnis.

Ich selbst bin im Sozialbereich tätig und tagtäglich mit den Themen körperlicher und geistiger Einschränkungen, Anträgen von Pflegegeldern und -plätzen, Sachwalterschaften und dem Erwachsenenschutzgesetz konfrontiert. Daher ist für mich das Thema „Hilfebedürftigkeit“ allgegenwärtig.

Doch hätte ich einen anderen Beruf gewählt, hätte auch ich vermutlich bisher noch keinen Gedanken daran verschwendet, wie es einmal für mich sein würde, wenn ich plötzlich auf Unterstützung angewiesen wäre.

Die meisten Menschen werden von körperlichen und geistigen Einschränkungen unerwartet getroffen.

In jedem Fall aber sind sie nicht darauf vorbereitet. Die Akzeptanz, dass man selbst nicht mehr so agieren kann, wie man es gerne möchte, dass die einfachsten Tätigkeiten auf einmal nicht mehr so klappen wie früher, fällt vielen schwer.

Dann werden auf einmal unangenehme Themen wie Schmerz, Vergesslichkeit oder körperliche Leiden wie Inkontinenz aktuell, von denen man selbst immer meinte, verschont zu bleiben.

Mit körperlichen Beschwerden gehen aber immer auch psychische einher.

Zu verkraften, dass man tatsächlich alt geworden und dem Tod plötzlich näher ist, als der eigenen Geburt, ist für niemanden leicht.

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Psychologische Begleitung ist etwas, das bei der Versorgung alter Menschen grundsätzlich fehlt.

Das Budget der Krankenkassen ist erschöpft, man muss zum Beispiel ständig um Bewilligungen für Gehhilfen und Medikamentenkosten ringen. Da bleibt kein Platz für geistige Gesundheit.

Dabei sind Körper und Geist doch untrennbar miteinander verbunden.

Und die Psyche spielt bei der Genesung von Kranken eine große Rolle.

Es gibt Krebspatienten, bei denen alle medizinischen Behandlungen fehlschlugen, die letzten Endes aber überlebten, weil sie einen starken Lebenswillen hatten.

Menschen, die ins Krankenhaus eingeliefert werden, „gehen dort“ sprichwörtlich „ein“. Umgeben von Krankheit und Tod soll man sich selbst wieder erholen? Sicher nicht.

Nun fristet aber nicht jeder seine letzten Tage auf Erden im Spitalsbett. Für viele ist ein Pflegeheim die einzige und oftmals auch letzte Option.

Die Kontrolle abzugeben ist noch einmal etwas ganz anderes als die Kontrolle (über den eigenen Körper, den eigenen Geist und das eigene Leben) zu verlieren.

Doch mit fortschreitendem Alter wird man unweigerlich mit dem eigenen Verfall konfrontiert. Das soziale Umfeld wird kleiner, Freunde und Bekannte sterben nach und nach.

Wer im seinem Leben für Nachwuchs gesorgt hat, hat immerhin die Möglichkeit, dass sich später einmal die eigenen Kinder um einen kümmern. Sie können Entscheidungen über medizinische Eingriffe im Sinne des Patienten treffen, oder gar die Pflege von Angehörigen übernehmen.

Vielen winkt allerdings, wie gesagt, das Pflegeheim. Und auch hier kommt man selten in den Genuss uneingeschränkter Entscheidungsfreiheit, was die Auswahl der Seniorenresidenz betrifft, denn die Kapazitäten der Pflegeeinrichtungen sind rar und alte Menschen oftmals in ihren finanziellen Möglichkeiten eingeschränkt.

In der Generation meiner Großeltern war es beispielsweise üblich, dass der Mann das Geld nach Hause bringt und die Frau für die Kindererziehung zuständig ist. Im Alter teilt man sich dann die Pension des Mannes. Und nun kann man sich leicht ausrechnen, dass das Geld kaum ausreicht, sollten beide pflegebedürftig werden.

altes Ehepaar

Mein Appell an Euch

ist nicht, dass ihr euch tagtäglich mit dem eigenen Tod konfrontiert. Ihr sollt euer Leben genießen.

Eine meiner Großmütter ist mit 86 Jahren noch topfit, lebt alleine in einer Wohnung, schmeißt den Haushalt ohne Unterstützung. Erleidet sie einmal ein Wehwehchen, mindert dies ihre Lebensfreude nicht und sie kommt stets wieder recht schnell auf die Beine. Sie ist mit Jung und Alt in Kontakt, pflegt ihre Beziehungen zu sämtlichen Kindern, Enkelkindern, Freunden und Bekannten. Sie reist für ihr Leben gerne und scheut auch nicht davor zurück, in ihrem Alter noch in´s Flugzeug zu steigen und ein fremdes Land auf eigene Faust zu erkunden.

Was lernen wir daraus? Aktivität hält fit!

Doch ich nehme ein solches Glück nicht als selbstverständlich hin. Mir ist bewusst, dass es durchaus anders kommen kann.

Mein Appell an euch lautet also viel mehr: Grenzt alte Menschen nicht aus. Drängt sie dadurch nicht an den Rand unserer Gesellschaft. Schaut nicht weg und bietet  eure Unterstützung an, wenn sie nötig ist. Kämpft dafür, dass es uns allen später einmal besser geht. Denn ich kann euch eines mit Sicherheit versprechen: IRGENDWANN SIND WIR ALLE EINMAL ALT.

Und vor Allem: Schiebt die Dinge, die euch wichtig sind nicht ewig auf. Euer Geld wird euch letztendlich nicht glücklich machen, wenn ihr dieses Gut dagegen eintauscht, euer Leben zu leben.

Denn, wenn man irgendwann pflegebedürftig ist, dann bleibt wenigstens die Erinnerung an ein schönes Leben, von der wir bis ins hohe Alter zehren können.

#letstalkaboutit

Liebe Grüße, eure Kay.

 

Bildquelle: pixabay.com

 

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14 Kommentare zu „#letstalkaboutit: Altern in Würde – Ein Ding der Unmöglichkeit?

  1. Danke für Deinen Blogartikel „Altern in Würde“! Ja, man soll sein Leben genießen und dennoch sich auch seiner Sterblichkeit bewusst sein. Wer das vereinbaren kann, ist in der Lage in wichtigen Momenten die richtigen entscheidungen zu treffen.
    Alles Liebe
    Annette

    1. Das hast du aber schön zusammengefasst liebe Annette, du hast vollkommen recht! 🙂 Danke für deinen Kommentar und dir noch einen schönen Abend!

  2. Ein sehr schöner Beitrag.
    Selber bin ich in einem Alter wo ich schnellstens alles regeln sollte, und doch werde ich immer bequemer mit meinen Aufgaben – beruflich wie privat. Ich halte oft inne und lass mich treiben.
    Ich wünsche mir viel mehr Freizeit – mehr Leichtigkeit – wieder mit Freunden unterwegs zu sein, zu genießen. Ein zeitintensives Unterfangen bei dem Arbeit einfach keinen Platz findet:-) Danke dafür.

    1. Dann wünsche ich dir, dass du in Zukunft doch etwas Zeit dafür findest 🙂 Denn die Leichtigkeit ist es doch, die das Leben lebenswert macht 🙂 Liebe Grüße und danke für deinen Kommentar!

    1. Danke, Steffi! Ich bin ja in einem ähnlichen Bereich tätig und habe sowohl in Krankenhäusern als auch Pflegeeinrichtungen für alte Menschen gearbeitet und leider war es nur sehr selten der Fall, dass dort die Würde des Menschen geschätzt wurde. Liebe Grüße!

  3. Aber wir haben doch ein ganz hervorragendes Gesundheitssystem?!?!?!
    Scherz. 😉 Deutschland und Österreich nehmen sich da glaub ich leider nix. Ein sehr, sehr wahrer Artikel und ein Thema, über das man sich besser zu früh als zu spät Gedanken macht!
    Wobei ich eher die Erfahrung gemacht habe, dass Menschen schöne Dinge gar nicht mehr unbedingt aufschieben wollen… Sie leben einfach allgemein ungesünder und weniger bedacht. Das Später wird eher verdrängt. Ich kenne tatsächlich keinen mehr, der noch irgendwie auf seine Zeit in Rente setzt… Nur noch die in den 50ern, die’s sozusagen bald geschafft haben.
    Wir werden sicher verglichen mit früher älter, aber wir sind dafür auch viel länger richtig krank. Und Kranke werden immer jünger. Mich versetzt mein eigenes Klientel schon teilweise in Angst und Schrecken. Da sind durchaus auch mal die „selbst und ständigen“ dabei, die immer irgendwie arbeiten und am Stress eingehen, klar. Aber sehr, sehr, sehr viele Menschen leben schon verstärkt nach dem „man gönnt sich ja sonst nix“-Schema: Massiv passiver Lebensstil, null Bewegung, viel essen, ganz viel Genuss (auch als Kompensation für Stress in Familie und Job), so und so lange auch ganz happy damit, weil es sich gut anfühlt – bis es sich, BÄM, schlagartig rächt und man mit Mitte 40 mit schlechter bis mäßiger Prognose in der Reha rumkrebst. Das ist allein in den letzten zehn Jahren schon deutlich schlimmer geworden und ich finde das sehr besorgniserregend. Je mehr Kontrolle man verliert, desto weniger lebenswert wird das Leben. Und wenn das schon so früh anfängt… :/

  4. Liebe Kay,
    das ist ein sehr schöner Artikel. Wenn man ältere Menschen kennt und sich mit ihnen unterhalten kann, ist es eine Lebensbereicherung. Man lernt verschiedene Lebensentwürfe kennen und stellt fest, dass es viele Alternativen gibt, wie man im Alter klarkommen und gut leben kann. Überhaupt kann man viel lernen und sich oft ganz anders, vielleicht sogar besser als mit einigen jungen Leuten unterhalten.
    Allerdings gibt es auch jene, mit denen ich nicht so gut klarkomme, und da sei gerade den Menschen mit Kindern geraten: Verlasst euch nicht darauf, dass sie sich eines Tages um euch kümmern werden! Das ist nicht selbstverständlich, schon gar nicht so, dass man sich darauf ausruhen kann, nach dem Motto: Ich brauche mir ja keine anderen sozialen Kontakte zu suchen, meine Kinder kümmern sich ja dann um alles. Oder dass man sich dann gesundheitlich gehen lässt. Es ist schon wichtig, im Rahmen seiner Möglichkeiten, ein Mensch zu sein und zu bleiben, der seinen Kindern nicht nur Kummer bereitet und auch, wie soll ich sagen, erträglich bleibt.
    Wahrscheinlich hat es was mit Verantwortung für sein eigenes Leben übernehmen zu tun und ist kein explizites Phänomen des Alters.
    Andersherum stimmt auch das mit der Leistungsgesellschaft. Wenn fast jeder Vollzeit arbeitet, Kinder großzieht etc. und so schon kaum Zeit hat, haben Leute, die mehr Zuwendung und Hilfe brauchen, ein Problem. Früher hat eine große Familie sich gekümmert, heute sind ja, wenn überhaupt, meist nur noch 1-2 Kinder da, die wahrscheinlich auch noch sehr beschäftigt sind, die ältere Generation wird auch älter als früher, und schon bedeutet Pflege oft eine enorme Belastung.
    Umso wichtiger ist es, sich fit zu halten und für soziale Kontakte zu sorgen, damit man länger gesund bleibt und ein Mensch, den man später gern besucht.
    Liebe Grüße
    Tina

    1. Danke für den tollen Kommentar, Tina. Ich sehe das mit den Kindern ganz genauso, genau darüber habe ich bereits in einem anderen #letstalkabaoutit Beitrag geschrieben. Man trägt eben doch die Verantwortung für sein Leben und sollte diese nicht von Vornherein an andere übertragen. Liebe Grüße!

  5. Liebe Kay,
    das ist wieder ein ausgesprochen ehrlicher und authentischer Beitrag, der ein wichtiges Thema beschreibt. Natürlich gehört das älter werden dazu. Bei manchen schneller, bei anderen weniger schnell. Man hat nur ein Leben und das sollte man in vollen Zügen genießen.
    Denn unverhofft kommt oft. Bzw. man weiß nie, wie viel Zeit man noch hat. Erst Anfang des Jahres habe ich zwei Bekannte verloren, die auf ihrer Weltreise einen tödlichen Autounfall hatten. Die beiden waren keine dreißig Jahre alt.
    Man sollte positiver und weltoffener durch das Leben gehen, es genießen und auch anderen ermöglichen das Leben zu genießen.

    Herzlichen Dank für deinen schönen Beitrag!
    <3
    Michelle

    1. Oh das tut mir wahnsinnig leid. Solche Schicksalsschläge machen einem erst richtig bewusst, wie schnell alles vorbei sein kann 🙁 Wie du richtig sagst, man hat nur dieses eine Leben und das sollte man genießen! Liebe Grüße und danke für deinen Kommentar und die lieben Worte!

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