Da bleib´ ich doch lieber in meinem Schneckenhaus!

Schneckenhaus

„Kind, du musst mehr aus dir herausgehen, sonst wirst du irgendwann auf der Strecke bleiben!“

Ich weiß nicht mehr, wie oft ich diesen Satz von meiner Großmutter zu hören bekommen habe.

Bis heute unterstellt sie mir, ob meines ruhigen Gemüts oftmals eine Verschlossenheit, die ich eigentlich gar nicht habe. Ich bin nur eben nicht Jedem gegenüber sofort offen.

Ich bin kein Exhibitionist, was meine Gefühlswelt angeht. Aber ich fahre gut damit und sehe nicht ein, weshalb ich das ändern sollte. Ich schade weder mir, noch Anderen damit, wenn ich nicht auf Jeden zulaufe und ihm meine Lebensgeschichte auf dem Präsentierteller darbiete.

Ich kenne Mütter, die in Panik verfallen, weil ihr Kind still ist und dieses von Therapie zu Therapie schleppen, damit es „offener“ wird.

Natürlich gibt es auch Kinder, bei denen Verschlossenheit bedenklich sein kann, wenn sie, über einen längeren Zeitraum hinweg, keinen sozialen Anschluss finden und unglücklich wirken.

Aber ich selbst war auch ein introvertiertes Kind. Doch ich habe mich niemals einsam gefühlt , obwohl ich alleine war.

Ich war sogar gern alleine. Es war nicht so, dass ich keine Freunde hatte, aber eben wenige. Ich war immer schon sehr wählerisch in Bezug auf Menschen, die ich nahe an mich heranlasse. Ich war ein kreativer Kopf, der sich gerne zurückzog, um stundenlang zu zeichnen, zu lesen oder eben auf andere Art und Weise seiner Phantasie freien Lauf zu lassen.

Wenn man ein autonomes Kind hat, das klar äußert, woran es Interesse hat und woran eben nicht, dann sollte man es auch gut sein lassen. Dann sollte man keine Probleme heraufbeschwören, wo keine sind. Das Kind wird seinen Weg gehen, auch wenn es nicht dem entspricht, den man sich als Elternteil vorgestellt hat. Aber nicht alle Menschen sind gleich. Es gibt eben kein „Richtig“ oder „Falsch“.

Und oftmals ergänzen sich introvertierte und extrovertierte Menschen auch. Mein Freund zum Beispiel ist ein echter „Sunnyboy“ und wenngleich er es hasst, wenn ich ihn so bezeichne, beschreibt ihn das eben am Besten. Er hat immer ein Lächeln auf den Lippen und besitzt die Fähigkeit, überall schnell Kontakte zu knüpfen und Anschluss zu finden, selbst wenn er in neue Situationen gerät. Und es ist sehr entspannend für mich, als Smalltalk-Gegnerin, wenn er das für mich übernimmt. Ich habe dann genug Zeit, die Lage zu sondieren und mich in der mir unbekannten Umgebung zurechtzufinden. Und dann taue auch ich langsam auf. Wäre ich in diesen Situationen alleine, bekäme ich wohl schneller einen Stempel aufgedrückt. Was mir persönlich wenig ausmacht, aber so ist es zugegebenermaßen doch oftmals ein wenig netter :D. Denn hat man den Stempel erst, wird es schwierig, ihn wieder auszulöschen.

Bis heute lege ich keinen großen Wert darauf, unzählige Bekanntschaften zu knüpfen und diese aufrecht zu erhalten. Ich habe nach wie vor einen kleinen, aber dafür sehr engen Freundeskreis, den ich sehr zu schätzen weiß. Und das genügt mir.

Über die Jahre kommen immer wieder Personen dazu, die ich gerne in meinen Kreis aufnehme. Denn introvertiert zu sein, bedeutet schließlich nicht, asozial zu sein.

Auch Extrovertiertheit kann Nachteile haben.

Ich kann nicht verstehen, weshalb man immer extrovertiert sein sollte. Auch das kann Nachteile haben.

Wenn man beispielsweise ausschließlich Bekanntschaften anhäuft, wird man wahre Freundschaft niemals kennen lernen und bleibt, um es mit den Worten meiner Oma zu sagen, erst wieder irgendwann auf der Strecke. Und es ist irrsinnig mühsam, viele Kontakte zu pflegen. Und wenn man diese eigentlich überhaupt nicht als wertvoll empfindet, ist das oft sogar schlichtweg verschwendete Lebenszeit. Dann doch lieber ein gutes Gespräch mit langjährigen Freunden, die einen wirklich kennen, welches einen persönlich weiterführt.

Das soll jetzt natürlich nicht bedeuten, dass es grundsätzlich schlecht ist, extrovertiert zu sein. Ich finde nur, dass

In letzter Zeit häufen sich Artikel zu diesem Thema auf diversen Plattformen. Es gibt Aufrufe an all die Introvertierten da draußen, dass sie okay sind, so wie sie sind.

Weshalb wird eigentlich so oft davon ausgegangen, dass jeder introvertierte Mensch damit hadert, nicht aus sich herauszugehen?

Weshalb muss es immer etwas Schlechtes sein, gut alleine sein zu können? Solange man hin und wieder aus seinem Schneckenhaus herauskriecht, ist doch alles im Lot!

Introvertierte Menschen werden von Anderen oft als arrogant empfunden. Weil sie sich nicht an jeder gesellschaftlichen Aktion beteiligen wollen, unzugänglich wirken, oder nicht so aufgeschlossen auf Neues reagieren wie Andere.

Sie sind eben überlegter. Sie sind eben mehr bei sich. Sie finden keinen persönlichen Mehrwert in endlosen Smalltalks. Sie legen mehr wert auf Gespräche mit Tiefgang. Mit Menschen die sie aufrichtig interessieren.

Geheucheltes Interesse wird man von einem introvertierten Menschen niemals bekommen.

Und das ist auch nicht schlimm. Denn nicht Jeder ist an Jedem interessiert. Nicht jeder findet Jeden und Alles toll. Das wäre ja utopisch!

Und auch ich selbst appelliere hier an alle stillen Gemüter da draußen:

  • Bleibt so wie ihr seid und lasst euch von niemandem einreden, dass es nicht okay ist, introvertiert zu sein.
  • Ignoriert das Gefühl, dass ihr euch verändern müsst, weil andere der Meinung sind, dass man erfolgreicher durchs Leben geht, wenn man ein offener Mensch ist.
  • Vergleicht euch nicht mit extrovertierten Leuten. Ihr macht schon alles richtig. Ihr geht eben euren eigenen Weg.

Meiner hat mich zu einer intakten Beziehung, einem wertvollen Freundeskreis und einem tollen Job geführt. Könnte schlechter laufen 😀 Und ich bin verdammt nochmal glücklich!

Und das, obwohl ich niemals zwanghaft versucht habe, Anderen zu gefallen. Obwohl ich mich in Gesprächen niemals für mein Gegenüber verstellt habe. Obwohl ich niemals dem Rat meiner Großmutter folgte und Fremden gegenüber offener war…

Liebe Grüße, eure Kay.

Zu welchem Typ Mensch zählt ihr euch? Fällt es euch leicht, aus euch herauszugehen, oder seid ihr eher zurückgezogen? Und wie geht ihr damit um? Hinterlasst mir gerne einen Kommentar 🙂

Auf dem Blog von wanderingmind findet ihr übrigens einen ebenfalls sehr lesenswerten Beitrag zum Thema Introversion : „Sag‘ doch mal was!“

Weitere Beiträge aus meiner Kolumne:

16 Kommentare zu „Da bleib´ ich doch lieber in meinem Schneckenhaus!

  1. Ach wie gut kann ich alles nachvollziehen, was du schreibst! Wie oft ich mir in der Schule von den Lehrern schon anhören musste, dass ich ein „stilles Pflänzchen“ sei und warum ich denn nicht mitmachen würde, wo meine Noten doch so gut wären. Immer wurde mir dadurch eingeredet, dass ich so wie ich bin eben nicht richtig bin. Das hat bei mir früher einen extremen Selbsthass bewirkt, den ich heute zum Glück abgelegt habe. Heute bin ich zum größten Teil im Reinen mit mir und meiner Zurückhaltung, aber noch immer bekomme ich solche Sprüche zu hören wie „Stille Wasser sind tief“. Furchtbar! Man muss endlich damit anfangen, auch und gerade in der Schule die Stillen zu schätzen zu lernen. Schade, dass man dazu erzogen wird, sich möglichst gut zu verkaufen und lieber irgendetwas zu sagen als nichts.
    Liebe Grüße von Schneckenhaus zu Schneckenhaus!☺

    1. Hey, danke für deine Kommentar und liebe Grüße zurück ;).
      Was du da beschreibst, kennen bestimmt die meisten introvertierten Personen, mich eingeschlossen. Viele müssen mit der Zeit und vor allem selbst erst lernen, dass sie gut sind, so wie sie sind. Mit dem Selbstbewusstsein handern in ihrer Kindheit und Jugend die meisten introvertierten Menschen, weil ihnen eben stets suggeriert wird, dass sie sich ändern müssen.
      Ist die Erkenntnis aber erstmal da, dass sie das verdammt nochmal überhaupt nicht MÜSSEN, entwickeln sie sich zu starken Persönlichkeiten. Mit Wohnhaft im Schneckenhaus, wo jeder, der rein will, sich seine persönliche Einladung erstmal verdienen muss 😉

  2. Ich bin generell sehr aufgeschlossen und meine sozialen Kompetenzen werden von meinem Umfeld sehr geschätzt. Im Berufsleben kommt mir das sehr oft zugute. Auch wenn ich privat kein Fan von Smalltalk bin, schadet es im Berufsleben nicht, sich ein paar Smalltalk-Sätze anzueignen.
    Ich bin zwar generell eher ein extrovertierter Mensch, kann aber in bestimmten Situationen auch sehr zurückhaltend sein. Für mich die perfekte Mischung. 🙂
    Mein Mann ist eher introvertiert. Dadurch ergänzen wir uns perfekt, was eine Bestätigung dafür ist, dass es jeder Mensch gut so ist, wie er eben ist. 🙂
    Ich kenne allerdings Leute, die reden extrem leise und sind m.E. extrem schüchtern – da könnte es wohl nicht schaden, ein wenig an seinen sozialen Kompetenzen zu arbeiten, um zumindest ein Mindestmaß an Kommunikationsfähigkeit in jeder Situation zu erreichen.
    Liebe Grüße
    Julie

    1. Liebe Julie, schön zu lesen, dass du deine Balance in dieser Hinsicht gefunden hast 🙂 und bei der Partner Wahl trifft es wohl oft zu, dass sich Gegensätze anziehen 😂

      Ich muss dazusagen, dass ich berufliches und privates hier auch unterscheide. Beruflich bleibt mir nichts anderes übrig, als hin und wieder smalltalk zu betreiben oder Beziehungen zu anderen Menschen aufzubauen, mit denen ich privat vermutlich weniger gut zurechtkommen würde. Aber das ist eben mein Job und ich kann das gut abgrenzen, ohne das Gefühl zu haben, mich verstellen zu müssen.

      Schüchtern bin ich nicht, obwohl ich introvertiert bin. Das ist eine Eigenschaft, an der man aber gut arbeiten kann, wenn sie einen im Alltag hemmt 🙂

      Liebe Grüße und danke für deinen Kommentar 🙂

  3. Hallo Kay,
    danke für diesen Beitrag. Ich finde mich total wieder 😀
    Mir wurde als Kind immer gesagt „Jetzt sei doch nicht so schüchtern.“ Und als ich älter wurde, bekam ich oft zu hören ich sei arrogant oder wirke so. Mich hat das echt immer fertig gemacht und dabei hab ich mich eben nur nicht gleich jedem an den Hals geworfen. Ich muss immer erst mal die Lage checken bis ich langsam auftaue und das ist bis heute geblieben. Manche werten das immer noch als Unfreundlichkeit, aber sollen sie halt. Ich weiß jetzt, dass das ok ist wie ich bin und all die Beiträge, die man tatsächlich gerade häufig ließt, haben mir echt noch mal geholfen.
    Ich war und bin auch echt gerne alleine und habe jetzt auch das Schreiben wieder für mich entdeckt, was ich als Jugendliche schon sehr gerne gemacht habe. Deshalb auch mein Blog. Ich liebe die Ruhe und brauche das zum Auftanken, bevor ich mich wieder ins Getümmel stürzen. Das hab ich auch ab und zu sehr gerne, aber die Batterie aufladen geht nur, wenn ich meine Ruhe habe.

    Mein Freund ist übrigens auch eher der Extrovertierte. Und ich bin auch immer froh, wenn wir irgendwo sind und er den Smalltalk in Gang bringt und ich nur daneben stehen und zuhören muss 😀

    Ich komme auch nur mit den Menschen klar, die sich auch wirklich für mich interessieren. Mit allen anderen kann ich irgendwie nichts anfangen.

    Und ich freue mich immer, wenn auch andere so sind wie ich.

    Liebe Grüße!

    1. Liebe Romy, danke für deinen Kommentar!
      Ich habe dem nichts hinzuzufügen, ich kann alles was du schreibst, total nachvollziehen, wir sind uns da sehr ähnlich 🙂
      Ich finde es auch schön zu lesen, dass es andere gibt, denen es so geht wie mir 🙂 Liebe Grüße!

  4. Liebe Kay,
    ich bin da so ein Mittelding, was ich ganz praktisch finde. So schlägt es auf beiden Seiten nicht ins Extrem und ich kann eine ruhige Gesprächspartnerin sein. So doll extrovertiert kann ja auch mitunter nerven, glaube ich. Es sollte jedem überlassen sein, wie er oder sie es handhaben will.
    Liebe Grüße
    Tina

  5. Ich kann beides – im Job (Sozialberuf) bin ich extrem extrovertiert, außerhalb dessen extrem introvertiert. Zeigt ja deutlich, dass wir Intros kein Stück mit uns hadern. 😉 Ich könnte auch privat den Schalter umlegen, will ich aber nicht. Ich hab lieber meine Ruhe und schare nur die paar Menschen um mich, die mir wirklich wichtig sind.
    Es ist schon so, dass die Gesellschaft mehr so semi-begeistert von uns ruhigen Kandidaten ist. Viele können uns sehr schlecht einschätzen und wissen einfach nicht, woran sie sind. Diese Unsicherheit, die wir damit auslösen, mögen die Leute nicht. Dann werden wir eben als arrogant und abweisend abgestempelt. Letztendlich müssen wir aber ja alle lernen, dass wir nicht mit jedem harmonieren können oder müssen – von daher: Passt schon. 🙂
    Die einzig relevante Frage ist ja, ob man selbst Probleme mit seiner Art hat. Wenn man schon halb in der Sozialphobie steckt und vor anderen kaum einen Ton rauskriegt, ist der Stress im Alltag schon extrem und es würde einem helfen, daran zu arbeiten. Ansonsten… Deine Apelle beschreiben’s prima! 🙂
    LG!
    Zoë

    1. Danke Zoe! Ich unterschreibe das alles sofort, du hast es auf den Punkt getroffen! Und mir geht’s da ganz genauso 🙂 Danke für den tollen Kommentar❤️ LG

  6. Sehr schön geschrieben! Da Du gefragt hast, ich bin eher ein extrovertierter Mensch (ich hasse Schubladendenken und würdes selbst nie in intro und extro unterteilen), nenne es jedoch hier mal so um etwas verständlicher daher zu kommen. Da ich Künstler -und Autor bin, hilft mir dieses „Stück“ EXTRO sicher mehr als wäre ich intro, da ich ganz oft auch auf Theaterbühnen stehe und szenische Lesungen abhalte. Ich glaube, alles hat seinen Sinn, und jeder bekommt ein Stück (intro/extro) Kuchen ab, was er für seinen Lebensweg auch benötigt. Meine Muse ist eher intro, und somit ergänzen wir uns bestens. Daher kann ich mich auch ganz gut in Deinen Text hineinfühlen, da ich es ja täglich selbst durch meine Muse sehe / mitbekomme, und auch sie ist glücklich so wie es ist. Schreib weiter so schön … jedoch noch schöner ist es, dass Du glücklich bist. Das ist das, was wirklich zählt. Liebe Grüße Finley

    1. Das freut mich, dass dir mein Beitrag gefällt. Das glaube ich, dass es auf der Bühne hilfreich ist, wenn man eher extrovertiert ist. Wobei ich auch introvertierte Menschen kenne, die auf der Bühne stehen und damit keine Probleme haben 😀 Vielen Dank für deine netten Worte! Liebe Grüße!

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