Theoriegenie versus Praxisgott

Expertentum

Warum theoretisches Fachwissen alleine manchmal nicht ausreicht, um Experte zu sein

Es steht außer Frage, dass es Tätigkeiten gibt, für die ein fundiertes Fachwissen von Nöten ist, um sie auszuüben.

Beispielsweise müssen Softwareentwickler, Chemiker, Rechtsanwälte oder auch Mechaniker ein umfassendes theoretisches Wissen von ihrer Tätigkeit haben, um ihrem Beruf erfolgreich nachgehen zu können. (aufgrund des Leseflusses, verzichte ich hier aufs Gendern, ich hoffe ihr seht mir das nach! Gedanklich beziehe ich die Damenwelt hier selbstverständlich mit ein 😉 )

Doch was zeichnet einen Experten eigentlich aus? Die Anzahl an Ausbildungen, die er vorzuweisen hat? Der Titel? Oder wie groß sein Wortschatz an unaussprechlichen Fachbegriffen ist?

Oder aber ist es nicht vielmehr so, dass das Leben selbst die beste Schule ist?

Dass Theorie alleine einen manchmal nicht weiterbringt? Dass man in Situationen gerät, wo es auf die Eigenschaften ankommt, die einem in die Wiege gelegt wurden und die man sich in keiner Ausbildung aneignen kann?

Expertentum

Betrachten wir das ganze Thema doch mal aus einem anderen Blickwinkel…

Richtig schwierig wird es nämlich mit der Definition eines „Experten“, wenn es um die Arbeit mit Menschen geht.

Zwei Beispiele:

  • Wie viele Lehrer gibt es, die den Lehrplan in- und auswendig beherrschen, denen aber schlichtweg die Fähigkeit fehlt, den Stoff an ihre Schüler zu vermitteln?
  • Auch im Sozialbereich bin ich unglaublich vielen, ausgebildeten Sozialbetreuern (liebe Ladies, fühlt euch gegendered 😉 ) begegnet, die rein theoretisch alles über Pädagogik wissen, jedoch über keinerlei Empathie und Flexibilität verfügen. Sie alle sind in Situationen, auf die sie von den Schulbüchern nicht vorbereitet wurden und wo es auf rein intuitives, menschliches Handeln ankam, kläglich gescheitert.

Das interessante daran war allerdings, dass ausgerechnet diese Menschen meistens aus derselben Motivation heraus einen sozialen Beruf ergriffen haben. Nämlich Selbstbeweihräucherung! Sie hatten Mitleid mit den Menschen, die sie betreuten und genossen es, Anerkennung für ihre „schwierige Arbeit“ zu bekommen. Sie ließen sich gerne als „Gutmenschen“ bezeichnen. Alleine der Gedanke daran macht mich schon aggressiv… aber gut. Auch dazu ein Andermal.

Die falschen Motive bei der Berufswahl können also bereits ein Anzeichen dafür sein, dass gewisse Menschen zwar auf dem Papier für den Beruf gut geeignet, praktisch jedoch absolute „Nackerpazln“ sind.

Das zeigt, dass eine Ausbildung alleine nicht ausreicht, um einen guten Job zu machen. Ich habe viele Zivildiener und Quereinsteiger erlebt, die wesentlich besser und pädagogisch wertvoller gearbeitet haben, als so manche/r Diplomierte/r (oh, ich kann es doch 😉 ) .

Heutzutage wird jedoch in den meisten Fällen darauf bestanden, dass man eine einschlägige Ausbildung hat, um gewissen Tätigkeiten nachgehen zu dürfen. Als wenn das eine Garantie dafür wäre, dass man soziale Kompetenzen besitzt! Diese Eigenschaft kann man nunmal nicht erlernen. Die hat man entweder, oder man hat sie eben nicht!

An dieser Stelle sollte man vielleicht auch mal überlegen, wo man die Gewichtung unserer Schulbildung hinverlegen sollte. Aber das würde vermutlich eine längere Diskussion vom Zaun brechen, die mindestens der Erstellung eines eigenen Beitrages bedarf. Dazu also lieber ein andermal….

Zurück zum eigentlichen Thema…

Experte

In der Theorie „Top“ in der Praxis „Flop“.

Um ein weiteres Beispiel zu nennen, weiß ich aus eigener Erfahrung , dass einem oftmals der beste Psychologe nicht helfen kann, die eigenen Probleme zu lösen, wenn er nicht das nötige Einfühlungsvermögen besitzt, um nachvollziehen zu können, wie es einem in diesem Moment geht.

Nicht umsonst sagt man, die besten Seelenklempner sind diejenigen, welche selbst einen Knacks haben 😉

Mir persönlich hat es damals mehr geholfen, mich mit anderen Betroffenen zu unterhalten und mich bewusst mit mir selbst auseinanderzusetzen.

Ich habe in dieser Zeit viel über mich selbst und über die Abläufe in der menschlichen Psyche und in der Gesellschaft allgemein gelernt.

Ich möchte keinem Psychologen seine Fähigkeiten absprechen, es gibt auch unheimlich viele, die wirklich gut auf ihrem Gebiet sind und manchmal ist auch die gesunde Distanz und der Blick von Außen nötig, um ein Problem zu lösen.

Aber für mich war diese Erfahrung ein weiterer Indikator dafür, dass Fachwissen eben nicht Alles ist und dieses noch lange nicht zum Experten macht.

Fazit:

Wenn es um technische oder handwerkliche Fähigkeiten geht oder um Gesetzestexte etc. macht es durchaus Sinn, sich in der Theorie umfassend ausbilden zu lassen. Ich meine,

wenn ich einen Unfall habe, ist es mir herzlich egal, ob mein Chirurg ein zwischenmenschliches Ass ist…

Hauptsache er weiß, wo meine Organe liegen und wie er mich wieder zusammenflicken muss!

Aber ansonsten bin ich eher zwiegespalten, was das Expertentum in der Arbeit mit Menschen betrifft.

Ich denke , dass gerade in diesem Bereich, die Bezeichnung „Experte“ fehl am Platz ist.

Überall wo es „menschelt“, geht es viel um Empathie und Sympathie. Jeder bringt eigene Erfahrungen und Ansichten mit. Kein einzelner Mensch kann Experte für alle anderen Menschen sein.

Wie gesagt, der oben genannte Psychologe konnte in seiner Laufbahn bestimmt total vielen Menschen helfen.

Nur mir eben nicht.

Für einen Anderen jedoch, war sein theoretsiches Fachwissen vielleicht ausreichend, um weiterzukommen. Und das ist auch okay so. Jeder Mensch ist anders und jeder Mensch BRAUCHT etwas Anderes.

Verschiedene Paar Schuhe
Fachwissen und Expertentum sind oftmals zwei verschiedene paar Schuhe

Mein Appell an Euch:

Experte ist nicht gleich Experte!

Bitte bleibt kritisch, wenn es um Experten im menschlichen Bereich geht. Vertraut nicht blind jemandem, nur weil er ein Theoriegenie ist. Schon gar nicht, wenn es um euch selbst geht.

Denn hier gilt: Für dich selbst kannst immer nur DU Experte sein!

Liebe Grüße, eure Kay.

 

Übrigens hat sich auch die liebe Kiwi Pfingsten auf ihrem Blog mit dem Thema Kannst du Expertin sein, auch wenn du „Anfänger“ bist? auseinandergesetzt und gibt in ihrem Beitrag ein paar interessante Inputs dazu. Sie bietet momentan auch einen  14-tägigen, begleiteten Online-Selbstlernkurs an, für Alle, die Interesse haben. Also lest gerne mal rein!

 

Wie stehst du zu diesem Thema? Was zeichnet für dich einen Experten aus? Steht diese Bezeichnung für dich immer unmittelbar in Verbindung mit einer einschlägigen Ausbildung, oder kann für dich auch jemand aufgrund seiner persönlichen Erfahrungen Experte auf einem Gebiet sein? Teile mir deine Ansicht gerne in den Kommentaren mit, ich bin gespannt, wie du das Ganze siehst 🙂

 

Wenn dir dieser Beitrag gefallen hat, freue ich mich, wenn du diesen in deinen Netzwerken teilst, damit auch andere ihn lesen können! Vielen Dank <3

Du willst mehr erfahren über den TwistheadCats Blog? Dann klicke hier.

Dir gefällt TwistheadCats und du möchtest ab sofort nichts mehr verpassen? Dann abonniere ganz einfach den Newsletter und sei vor allen Anderen informiert über neue Beiträge und Aktionen auf dem Blog 🙂

 

Newsletter abonnieren

jetzt abonnieren

12 Kommentare zu „Theoriegenie versus Praxisgott

  1. Ein sehr heikles Thema, dass du dir da ausgesucht hast.

    Ja du hast recht, Experte ist nicht gleich Experte…. Aber es bringt auch nichts wenn jemande total empathisch ist und ihm das nötige Wissen fehlt um jemandem weiterzuhelfen. Denn dann hat man einfach nur Mitgefühl ohne jeglichen Lösungsvorschlag zu unterbreiten.

    Den Umgang mit Menschen kann man meiner Meinung nach genauso fachmännisch lernen wie ein Programm zu programmieren. Wir alle glauben, dass wir so extrem individuell sind, aber wir ähneln der Mehrheit weit aus mehr, als wir denken.

    Mit Hilfe von Neurobiologie, Psychologie, Tiefenpsychologie, Verhaltensforschung etc. bekommt man sehr viel Fachwissen über den Menschen, seine Beweggründe und seine resultierendes Verhalten. Mit diesen Informationen kann man so einiges anfangen. Aber die Menschlichkeit steht natürlich immer im Vordergrund.

    Wie schon gesagt, sehr schwieriges Thema was du da gewählt hast. Da wäre eine Diskussionsrunde angebracht.

    Lg Silviu

    1. Ich gebe dir recht. Vor allem selbsternannte Experten die ihr Halbwissen verbreiten können oftmals sehr gefährlich werden. Dazu werde ich aber einen weiteren Beitrag verfassen, denn in diesem hier geht es lediglich darum, dass eine Ausbildung oder ein Studium alleine nicht die Garantie dafür sind, dass man Alles weiß.

      Theoretisch kann man psychologische Vorgänge natürlich erlernen aber ich muss dir dennoch widersprechen, denn Empathie kann man sich nicht durch Lehrbücher aneignen. Die kommt maximal durch eigene Erfahrungen im Laufe des Lebens oder eben nie. Verstehen ist eben nicht gleich verstehen 🙂

      Danke für deinen Kommentar, ich weiß, dass es ein kontroverses Thema ist, aber eben deshalb hat es mich gereizt darüber zu schreiben 😀

      Liebe Grüße, Kay.

      1. Da du ja auch bald zum Studieren anfängst, kann ich dir jetzt schon sagen, dass du während dem Studium drauf kommst, dass je mehr du lernst, du umso weniger weißt.

        Zumindest war es bei mir so^^

  2. Als ich mit meiner Ausbildung zur Psychotherapeutin begann, war es noch kein Studium.
    Heute gibt es das Psychotherapiegesetz (gab es damals auch nicht), und die Ausbildung ist ein Studium.

    Was hat es gebracht, bzw. was hat sich verändert?
    Nun, einerseits wurde durch das PT-Gesetz viel „Wildwuchs“ eingedämmt, und viele selbsternannte PsychotherapeutInnen, die einige Seminare gemacht hatten, und sich dann so nannten, dürfen das nicht mehr.

    Andererseits wird durch das Studium die Theorie in den Vordergrund gestellt, und Selbsterfahrung und Eigentherapie steht eher im Hintergrund. Das finde ich nicht gut. Viel zu viele, und auch zu junge Menschen, werden PsychotherapeutInnen und haben vom Leben (und daher auch von ihren KlientInnen) keine Ahnung.

    Ich habe humanistische Psychologie und körperorientierte Psychotherapie (Wilhelm Reich, Alexander Lowen, Fritz Perls etc.) „gelernt“, und vor allem „erfahren“. Der Selbsterfahrungsteil stand im Vordergrund. Als Beginn habe ich mit 36 Jahren (Zweitberuf) an einem Selbsterfahrungs- und Ausbildungsjahr teilgenommen. In diesem Jahr gab es alle 5 – 6 Wochen eine Woche(!) ein Selbsterfahrungsseminar, in dem wir an eigenem Leib und Seele die jeweilige Methode nicht nur kennen lernten, sondern sie erlebt und erfahren haben. 60 Personen haben begonnen, nach einem halben Jahr waren es 40. Am Schluss dieses sehr intensiven Jahres, das mich grundlegend verändert hat, sind schlussendlich 10 Personen übrig geblieben, die dann die Ausbildung weiter machten.
    Ein guter Ausleseprozess.

    Die körperorientierte PT ist bis heute nicht anerkannt (ausgenommen die Gestalttherapie von Fritz Perls), und wird daher nicht mehr angeboten – ein großes leider! Warum es so wichtig ist, außer Gesprächen (verbale Ebene) auch die körperliche Ebene miteinzubeziehen, wäre ein eigener langer Kommentar.

    Und ja, nicht jede Methode und vor allem nicht jede/r PsychotherapeutIn ist mit jedem Menschen kompatibel. Es ist gut, dass es viele Schulen und Methoden gibt. Und es täte gut, wenn man daran denkt eine PT zu machen, einige Erstgespräche mit verschiedenen TherapeutInnen zu machen, um den für sich selbst richtigen Menschen des Vertrauens zu fnden.
    Und nochmals ja, nicht für jede/n PT ist es auch der richtige Beruf. Wie in so vielen anderen Berufen, in denen Menschen mit Menschen arbeiten, auch.

    Vor einiger Zeit bereits habe ich einen Artikel begonnen „Warum körperorientierte Psychotherapie“ – der Artikel wird immer länger, weil so viele wichtige Themen rundherum (auch das von dir angesprochene) dazukommen. 😉

    1. Danke für deinen konstruktiven und ausführlichen Kommentar! 🙂

      Ich finde es traurig, dass bei einer Ausbildung zum PT immer weniger Wert auf Selbsterfahrung gelegt wird, dabei ist das doch, meiner Ansicht nach, die Grundvoraussetzung. Selbsterfahrung gepaart mit theoretischem Wissen ist die Kombination, die einen guten PT ausmacht!

      Es ist interessant, das ganze Thema mal aus deiner Sicht,, von „innen“ quasi, zu lesen und ich bin gespannt auf deinen Artikel und werde ihn bestimmt lesen, wenn er fertig ist 🙂

      Liebe Grüße und dir noch einen schönen Tag!

  3. Ich selbst bin Erzieherin und gehe mit deinen Aussagen nicht wirklich konform bzw. Sehe es so: Natürlich ist Empathie hier sehr wichtig. Aber auch Fachwissen gehört dazu, denn es bringt mir nichts, denn ich mich super in die Mutter des Kindes mit Beeinträchtigung reinversetzten kann, aber nicht weiß, wie ich ihr helfen kann und welche weiteren Schritte jetzt erforderlich sind… Soll heißen eine gesunde Portion von beidem gehören für mich zu JEDEM Beruf dazu!

    1. Da hast du vollkommen recht, es gehört eben beides dazu um in seinem Beruf gut zu sein! Worauf ich mit diesem Beitrag hinaus will ist, dass man gerade im Sozialbereich aber mit Theorie alleine nicht weit kommt, wenn man nicht noch einige persönliche Grundvoraussetzungen mitbringt! Liebe Grüße und danke für deinen Kommentar 🙂

  4. Du hast dir ein echt interessantes aber auch heikles Thema ausgesucht..
    Ich bin der Ansicht, dass man zwischen Expertentum und Fachwissen unterscheiden muss. Ich würde behaupten, dass das Expertentum eine Steigerung des Fachwissens ist, die durch Erfahrungen (positiv und negativ) erreicht wird. In Berufen, in denen viel zwischenmenschlicher Kontakt gefragt ist, sollten Experten Eigenschaften wie Mitgefühl und „Verständnis“ vorweisen können. Aber diese Eigenschaft ist in jedem Beruf denke ich notwendig.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Ich akzeptiere